Grundlage der Rezeption eines jeden Autors ist die genaue Kenntnis seines Werkes. Bei Günter Grass, einem politisch engagierten Schriftsteller mit großer Medienpräsenz, geht dies weit über das literarische Schaffen im engeren Sinne hinaus. Nicht nur mit seinen gedruckt vorliegenden Texten wirkt Grass in die literarische und gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein, sondern auch durch das gesprochene Wort und seine Präsenz in den elektronischen Medien.

In Lesungen trägt Grass seine Texte vor; in Interviews und Gesprächen erläutert und kommentiert er sein Werk, äußert sich zu Fragen der Poetik und Ästhetik sowie zu den geistigen Wurzeln seines Schaffens; immer wieder bezieht er Stellung zu gesellschaftspolitischen und tagesaktuellen Fragen. Hunderte von Bild- und Tonbeiträgen aus Hörfunk und Fernsehen belegen sein öffentliches Auftreten seit mehr als vier Jahrzehnten. Zumindest ebenso zahlreich wie die audiovisuellen Dokumente von Günter Grass selbst sind Ton- und Filmbeiträge zur Rezeption seines Werkes als Schriftsteller und Bürger, die gleichberechtigt neben der Rezeption in den Printmedien steht.

Die audiovisuellen Dokumente bezeugen einerseits die Grass’sche Selbst- und Weltdeutung und bewahren seine Stimme und Erscheinung. Andererseits liefern sie einen wichtigen Baustein zu einer hörbaren Literatur- und Debattengeschichte der Bundesrepublik Deutschland und erzählen nicht zuletzt ein Stück Mediengeschichte.

Derzeit sind Ton- und Filmdokumente von und über Günter Grass im Gegensatz zu den gedruckt vorliegenden Texten für den Grass-Forscher wie für die interessierte Öffentlichkeit in der Regel nur schwer zugänglich: Sie liegen verstreut in den verschiedenen Rundfunkanstalten, in öffentlichen Archiven und Bibliotheken, in Literaturhäusern und bei Privatpersonen. Sie sind bisher nicht zentral erfaßt und allenfalls in Ansätzen inhaltlich erschlossen. Ihre Rezeption hat noch nicht einmal begonnen.

In der Zukunft wird sich die Zugangsschwelle zu den audiovisuellen Zeugnissen noch erhöhen, denn die Ton- und Bildträger, auf denen die Dokumente ursprünglich archiviert wurden (Tonband, Schallplatten, Audio-Cassetten, VHS, Betamax etc.), sind zum Teil schon heute nicht mehr auf dem Massenmarkt erhältlich oder werden es in absehbarer Zukunft nicht mehr sein. Sollen diese Dokumente für die Forschung und die Öffentlichkeit erhalten bleiben, ist eine zentrale Bestandssicherung und -bearbeitung unerläßlich.