Die Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen vergibt den ALBATROS für zeitgenössische erzählerische Prosa, Lyrik oder Essayistik. Er geht an Autoren aus aller Welt, deren Werk sich durch hohe literarische Qualität und kulturelle und gesellschaftspolitische Relevanz auszeichnet. Das ausgezeichnete Werk soll offenes Denken und die freie Auseinandersetzung mit allen Bereichen unseres Lebens, mit unserer Welt und unserer Zeit befördern. Die Besonderheit dieses Preises besteht darin, daß ein bedeutendes fremdsprachiges Werk und dessen herausragende, der literarischen Eigenart des Originals gerecht werdende Übersetzung ins Deutsche ausgezeichnet werden.

Der internationale Literaturpreis ALBATROS ist mit 40.000 Euro dotiert und wird mit 25.000 Euro an einen Autor und mit 15.000 Euro an den Übersetzer des Autors verliehen.

Der Name des Preises ist „ALBATROS“. Er steht sinnfällig für die Verbindung Bremen – Übersee. Sowohl ist der Albatros ein Vogel, der über den Meeren Tausende von Kilometern zurücklegen kann, als auch eine Namensgebung für die historischen „Kap Horniers“, denen auch Bremer Kapitäne angehörten.

Die gedruckten Dokumentationen der Preisverleihungen sind bei der Medienarchiv Günter Grass – Stiftung Bremen auf Anfrage erhältlich solange der Vorrat reicht.

 

ALBATROS – Preisträger 2006
Karin von Schweder-Schreiner (links) und Lídia Jorge bei der Preisverleihung des ALBATROS 2006
Lídia Jorge (Portugal) und Karin von Schweder-Schreiner erste Preisträger 2006

Zum ersten Mal hat das Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen am 5. Mai 2006 im Bremer Überseemuseum ihren „ALBATROS“ übergeben. Der Literaturpreis ist mit 40.000 Euro dotiert und wird mit 25.000 Euro an einen Autor und mit 15.000 Euro an den Übersetzer des Autors verliehen.

Ausgezeichnet wurde ein Romanwerk, das die Dämonen lusitanischer Geschichte, die Kolonialkriege und die Nachwirkungen der Diktatur im intimen Rahmen des Familien- und Gruppenbildes aufspürt. Ihre Figuren leben aus einer Spannung, die vom nachkolonialen Blick übers Meer bis zur Sehnsucht nach Europa reicht. Im Wechsel von Stillstand und jäher Bewegung suchen sie nach der Wahrheit des Träumens zwischen den Zeiten. Sie sind von den Erfahrungen der Trennung, der Isolation und der stillen Verzweiflung bestimmt. Doch werden sie geführt von einer artistischen Regie des Blickwechsels.

Lìdia Jorges geschichtenreiche Bücher liegen in meisterlichen Übersetzungen von Karin von Schweder-Schreiner vor.

Bereits die ersten Romane von Lìdia Jorge, „O dia dos prodígios“ (1980, Der Tag der Wunder) und „O cais das merendas“ (1982), wurden zu Hauptwerken der neueren portugiesischen Literatur, die sich in der Nachfolge der Nelkenrevolution von 1974 entwickelte. „O vale da paixão“ (Die Decke des Soldaten) wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, wie dem Preis des portugiesischen Pen-Clubs, dem Dom Dinis-Preis, dem Máxima de Literatura-Preis, dem Bordalo Pinheiro-Preis und dem Jean Monet-Literaturpreis. Von der französischen Regierung wurde Lídia Jorge im Jahr 2000 der Grad eines Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres verliehen.

Karin von Schweder-Schreiner ist seit 1990 die Übersetzerin von Lídia Jorge ins Deutsche. Zu den von ihr übersetzten Autoren aus dem portugiesischen Sprachraum zählen u.a. Jorge Amado, Chico Buarque, Antonio Callado und Mia Couto. Die Arbeit von Karin von Schweder-Schreiner wurde jeweils zweimal mit Stipendien des Deutschen Literaturfonds (1987/88 u. 1996/97) und des Deutschen Übersetzerfonds e.V.(1999 u. 2004) ausgezeichnet, 1990 und 2005 erhielt sie einen Förderpreis für literarische Übersetzung der Freien und Hansestadt Hamburg, 1994 den Internationalen Übersetzerpreis des brasilianischen Kulturministeriums.

Laudatoren bei der Preisübergabe waren Christina Weiß, ehemalige Kulturstaatsministerin, und der Übersetzer, Lektor und Journalist Helmut Frielinghaus.

 

ALBATROS – Preisträger 2008
Bora Ćosić
Bora Ćosić 
wurde 1932 in Zagreb geboren. Aufgewachsen ist er in Belgrad, hat dort auch Philosophie studiert. Ćosić verließ Serbien 1992 und siedelte, mit Zwischenstation Istrien, nach
Berlin über. Heute lebt er in Berlin und in Rovinij (Kroatien).
Er habe seine Heimat „aus Gründen der Nervosität“ verlassen: „Ich war zu nervös, um in diesem Land unter einem solchen Regime (Milošević-Regime) weiter zu leben.“ Er wollte in diesem Land aus einer Haltung des Protestes und des Ekels heraus kein Wort mehr veröffentlichen.
Anfang der 50er Jahre hatte er sich der serbischen Avantgarde angeschlossen. In den 60er Jahren publizierte er Collagenbücher mit Essays über Kunst, Kitsch und die Mythen des Alltags. Seit Anfang der sechziger Jahre schreibt er Essays und Romane. Seinen größten Erfolg hatte er mit dem Roman (1969) „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ ( deutsch 1994 ). Für sein Buch „Die Zollerklärung“ erhielt er 2002 den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“.
In „Die Reise nach Alaska“, Ćosićs jüngstem Buch, bricht er auf zu einer Reise durch das frühere Jugoslawien. Dynamisch zwischen Heute und Damals wechselnd, verbindet er sinnliche Anschauung mit politischer Kritik, scharfsinnig historische Reflexion mit überraschenden Reisebildern und Erinnerungen an eine einst avantgardistische Kulturszene, getrieben von der Frage, wie es zur Katastrophe hatte kommen können. Obwohl Ćosić immer politische Position in seinen Büchern bezieht, sieht er sich keineswegs als politischen Autor. Er sieht sich als Schriftsteller, der auf Probleme antworte, die ein Mensch unter schlechten Lebensbedingungen habe. „Und wenn der Mensch in die Politik involviert ist dann hat er schlechte Bedingungen“. In den osteuropäischen Ländern gilt er als „Bruder“ von Bohumil Hrabal und Josef Škvorecký.
Für Bora Ćosić ist das Subjekt im 20./21. Jahrhundert ein Mensch am Bahnsteig mit Koffer in der Hand. „Doch das Gepäck ist leer. Was bleibt, ist alleine eine Erinnerung, die nichts mehr ist als reine Fiktion“. 
Katharina Wolf-Grieshaber
Katharina Wolf – Grießhaber 
wurde 1955 in Stuttgart geboren. Sie studierte Slavistik und Osteuropäische Geschichte in Heidelberg und Bochum; Promotion in Bielefeld. Sie veröffentlichte Publikationen zu Danilo Kiš, Ivo Andrić, Bora Ćosić und Vladimir Nabokov. 2001 erschien „Des Iltisses Kern. Zur Sinnproduktion in Danilo Kišs Ein Grabmal für Boris Davidovič“ (Helmut Lang Verlag Münster).
Katharina Wolf-Grießhaber lebt und arbeitet als freie Übersetzerin in Münster.Von Bora Ćosić hat Katharina Wolf – Grießhaber „Die Zollerklärung“ (2001), „Das Land Null“ (2004) und „Die Reise nach Alaska“ ins Deutsche übersetzt. Weitere Autoren sind u.a. Danilo Kiš, Bogdan Bogdanović, Salvenka Drakulić und Dževad Karahasan.